Jubiläen

 

50 Jahre, 75 Jahre, 100 Jahre , 150 Jahre....

 

immer wieder gibt es Gründe zu feiern.

 

 

Wir feiern 175 Jahre

 

Gemeindegründung

 

im Jahr 1843

 

Predigt

175- jähriges Gründungsjubiläum der Evang. Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei

Die Seligpreisungen

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

Fest muss man feiern wie Sie fallen! Feste dürfen frölich, manchmal sogar ausgelassen sein. Gute Stimmung, schöne Kleider, liebe Menschen, schöner Blumenschmuck Essen, Trinken, Musik. Das alles gehört zu einem gelungen Fest.

 

Geburtstag : wie können sich Kinder darüber freuen!

 

Hochzeitstage,Wiedersehensfeiern und Abschiedsparties (wie  hier in Istanbul jeden Sommer)

 

Feste sind immer auch eine Cäsur,haben immer etwas mit Innehalten: zurückschauen oder voraus schauen zu tun.

 

Ja, auch die vEangelische Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei feiert heute Geburtstag.Und sie wird alt. 175 Jahre-  älteste Deutsche Organisation hier in Istanbul und eine der ältesten evang. Auslandsgemeinden weltweit.

 

Nicht ohne Grund liegt die heutige Jubiläumsfeier vier Tage vor dem Reformationsfest.Denn es soll ja auch ums Evangelisch-Sein gehen.

 

175 Jahre - wirklich ein Grund zum Feiern und v.a. ein noch grösserer Grund Danke zu sagen.

 

Dankbar zu sein für Gottes überaus grosse Güte, dass er diese Gemeinde über all die Zeit bewahrt hat. In so einer langen Zeitspanne gibt es in einer Kirchengemeide naturgemäss Blütezeiten, aber auch Zeiten voller Sorgen und Ängste. Auch unsere Gemeinde kennt diese Hochs und Tiefs.. Trotzalledem blieb sie all die Jahre bewahrt.

 

Sehr passend finde ich, dass der Predigttext für den heutigen Tag die Seeligpreisungen aus der Bergpredigt Jesus sind. Niedergeschrieben beim Evangelisten Matthäus im 5. Kapitel

 

Dieser Text ist die Hohe Schule des Glaubens und der christlichen Ethik und somit immer wieder ein Anpsorn für uns, lebendiges Christsein in der Welt von heute zu leben.

 

Die Seligpreisungen

 

 

 

Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg. Und er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.

 

Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:

 

1.Selig sind, die geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

 

2. Selig sind, die Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

 

3. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

 

4.Selig sind, die  hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

 

5.Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

 

6. Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

 

7.Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

 

8.Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

 

9.Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und allerlei Böses gegen euch reden und dabei lügen.

 

 

 

 Seid fröhlich und jubelt; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden.

 

In der Auslegungsgeschichte der Kirche waren die Interpretation der Seligpreisungen immer sehr umstritten. Und ist es auch bis heute noch:

 

Die einen sagen: der Anspruch ist ja viel zu hoch, das ist ja alles unerfüllbar, darum kann es nur eine Utopie sein. Jesus spricht nicht von dieser Welt, in der ist das alles sowieso unmöglich  umzusetzen.Er muss die spätere Welt meinen.

 

Nur dann, dann wird die Bergpredigt schnell zu einer billigen Vertröstung, zu einem Machtinstrument um die Vorfindlichkeiten dieser Welt als unveränderliche Tatsachen zu belassen und die Misstände zu verfestigen.

 

Warum denn bitte soll man die Armut bekämpfen, wenn die Menschen später eh in den Himmel kommen?

 

Und mit Sanftmut ist noch niemand wirklich weit gekommen!

 

Warum soll man gegen Ungerechtigkeit in der Welt aufstehen, wenn einem später sowieso die „ grössere“  Gerechtigkeit vor Gott geschenkt wird.

 

Warum soll man für den Frieden kämpfen, wenn das sowieso ein hoffnungsloses Unterfangen ist und es immer wieder neue Brandstifter in der Welt gibt?

 

Warum soll ich mich schmähen oder gar verfolgen lassen? Das ist doch alles widersinnig.

 

„Selig sind die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“

 

Danke – dafür kann ich mir auch nichts kaufen.

 

Und es ist ein blanker Hohn all den Menschen gegenüber, die wirklich im Leid gefangen sind. Und wir wissen, was Menschen Menschen antun können.

 

Einfach im Leid bleiben, denn ich soll angeblich später getröstet.

 

Eine nicht ungefährliche Argumentation.

 

Nur lassen sie uns nochmal genauer hinsehen.

 

Was sagt Jesus genau?

 

selig sind, selig sind , selig sind….und das alles 9 mal ausgesprochen

 

Ich stelle mir Jesus vor., wie er das gesagt hat. In welcher Tonlage er das wohl den Menschen gesagt hat.Eindringlich sicherlich, aber ich denke eher sanft, einnehmend, verzaubernd.

 

Eigentlich spürt man schon an der Wortwahl:

 

Jesus möchte, dass Menschen glücklich werden. Ganz einfach glücklich. «Selig» heisst nichts anderes als „glücklich zu preisen“.

 

Eigentlich könnte man auch sagen, die Seligpreisungen sind der Weg zum Glück, der Schlüssel zum Glück-

 

Sie sind keine hehren,apodiktischen Vorgaben oder ethisch überhöhte Ansprüche oer gar eherne Gesetze.

 

Ich glaube Jesus möchte uns ermuntern „eine Haltung“ einzunehmen und eine innere, gefestigte Haltung, die uns den richtigen Weg hier auf Erden finden lässt.

 

 „Seid fröhlich und jubelt; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden.“

 

„Selig sind die Frieden stiften,denn sie werden GottesKinder heissen“.

 

 

 

Jesus spricht in den Seligpreisungen einzelne  «Haltungen» an Sie sind wie ein innerer Kompass, der uns in die richtige Richtung einstellt. Darum geht es Gott. Eine Haltung geht viel tiefer, als das blosse Befolgen eines Gesetzes.

 

Wie oft ein hoffnungsloses Unterfangen.

 

Syrien: heute ein erneuter Versuch, hier in Istanbul: treffen und Gespräche zwischen Bundeskanzlkerin Merkel , Präsident Macron und Präsident Putin.

 

Eine Haltung impliziert viel weitreichernde Konsequenzen als ein Befehl.

 

Gott will uns nicht befehlen, sondern er will uns prägen.

 

Den Weg zum Heil- Werden zeigen, den Weg zu einer besseren, gerechteren Welt, ohne Armut, Leiden und Ungerechtigkeit- zumindestnes mit weniger.

 

Und er will uns ermuntern ( prägen eben), dass es sich dafür immer lohnt einzustehen,gelegentlich auch auf-zu-stehen.

 

Worin kann eine solche innere Haltung z.B: bestehen?

 

  • letztlich bin ich glücklich, wenn mein Leben etwas bewirkt, was über mich hinausgeht.Diese Erfahrung machen Menschen vielfach.

 

Christen sind also nicht die letzten Zeugen eines irgendwie verstaubten Relikts aus früheren Zeiten, sondern in meinen Augen sind sie die Pioniere einer sich immer wieder neu reformierenden Welt , einer sich auch immer wieder neu reformierenden Kirche ( ecclesia semper reormanda). Einer sich verändernden Welt, einer von Gott geschaffenen Welt, der wir verpflichtet sind, sie zu erhalten und unseren Kindern und Kindeskindern anständig zu hinterlassen haben. Vielleicht ist diese Verantwortung (freien Wille), die Christen der Welt und dem Gemeinwohl gegenüber empfinden die Antriebskraft zur Veränderung, eine Art Pionieergeist, der eben auch Gesellschaftskritik beinhalten kann.Möglicherweise sind Christen deswegen auch manchmal unbequem, stehen auf und sind wider- ständig.

 

Aber finden Sie , die Aussagen der Bergpredigt bequem?

 

Bequem ist was anderes,

 

Zurück zu unserem heutigen Jubiläum.

 

Evangelisch sein, Protestant sein in einer Welt mit einerseits vielfältig gelebter Ökumene, wie sie es mit all den christlichen Ausprägungen wahrscheinlich in kaum einer anderen Stadt der Welt  zu finden ist ( ausser Jerusalem) und andererseits das alles in einem islamischen Land. Geht das?

 

Ja,es geht und es geht recht gut.

 

Martin Luther – unser geistiger Vater - hat seinen Glauben in einem Symbol ausgedrückt: der Lutherrose.

 

Im Zentrum dieser Rose steht das Kreuz , das uns an Jesus Christus erinnert, der für uns gestorben ist und uns so das Heil erworben hat.

 

Der Glaube an Gott soll uns beseelen ( da haben wir wieder das Wort „selig“) und er ist v.a. eine Herzensache. Deswegen umfängt ein Herz das Kreuz.

 

Und unser Glaube soll uns daran erinnern, dass wir anderen auch Glaube, Freude und Trost und Frieden schenken sollen.

 

Ah, da haben wir wieder dieses „Haltung“.

 

Stellt sich also die Frage, was wir zum Guten, zur Verbesserung, dem Frieden und dem dem Gemeinwohl beitragen?

 

Mit Sicherheit hat auch diese Gemeinde über all die Jahre durch ihr  evangelisches Selbstverständnis hier in Istanbul einen Beitrag zur Kultur der Menschlichkeit, der Freiheit, der Toleranz und der Selbstbestimmung beigetragen.

 

Getragen sind wir aus der unerschöpflichen Gottesliebe (er zu uns und wir zu ihm) und der damit korrespondierenden Menschenliebe. Beide sind nicht voneinander zu trennen.

 

Und wir sind natürlich geprägt von dem hohen Gut der Freiheit.

 

Apostel Paulus: Galater 5,13

 

“Ihr aber, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen! Allein sehet zu, daß ihr durch die Freiheit dem Bösen nicht Raum gebt; sondern durch die Liebe diene einer dem andern.”

 

Lassen Sie uns als Christen  – ich nehme jetzt ganz bewusst alle Brüder und Schwestern der Ökumene  ein – hier in dieser Stadt für Freiheit und Frieden, wie es der Apostel uns aufträgt, eintreten.

 

Lassen sie uns den Menschen – konkreter den Menschen denen wir begegnen. mit denen wir zu tun haben, mit Liebe, Achtung und Respekt begegnen.

 

Dann wird die Welt um uns herum im Kleinen schon ein bisschen besser.

 

Und an dem hohen Anspruch der Seligpreisungen und an der inneren Haltung dürfen wir ja gerne weiter üben. Jeden Tag neu , solange wir leben.

 

Vielleicht liegt ja da sogar das Geheimnis des Christsein verborgen. Das wir auf dem Weg sind und Haltungen vor Gott und den Menschen einüben dürfen.

 

Und deswegen, liebe Mitchristínnen und Mitchristen, sind die Seligpreisungen vielleicht doch  konkreter, lebbare, umsetzbarer als sie zunächst erscheinen.

 

Amen.                                                                                                           gabriele pace pfrin