Christen in der Türkei


Kirchenmosaik in Istanbul

von Dr. Elisabeth Dörler (verstorb.)

 

Wenn christliche Besucher nach Istanbul kommen, sind sie mitunter überrascht, wie viele verschiedene kirchliche Gruppierungen es hier gibt. Eine Übersicht zu gewinnen ist gar nicht leicht, da manche Namen sehr ähnlich klingen, so dass in der einen oder anderen Aufzählung leicht eine Gruppe untergehen kann.

Insgesamt leben heute nur noch hunderttausend Christ/innen in der Türkei.

Die zahlenmäßig größte Gruppe ist die armenisch-orthodoxe (apostolische) Kirche mit ca. 60.000 Gläubigen. Ihr Mittelpunkt in Istanbul ist das Patriarchat in Kumkapi. Diese Kirche gehört zur Gruppe der altorientalischen oder vorchalcedonensischen Kirchen, da sie am 4. ökumenischen Konzil von Chalcedon (=Kadiköy) 451 nicht mehr teilgenommen haben.

Im 17. Jahrhundert hat sich aus dem damaligen katholischen Einheitsstreben heraus eine Gruppe Armenier mit Rom vereinigt: die armenisch-katholische Kirche, die heute in Istanbul ca. 3.000 Personen zählt und von einem Bischof geleitet wird.

Die Mitglieder der syrisch-orthodoxen Kirche sind vor allem aus dem Gebiet des Tur Abdin im Südosten der Türkei, in dem noch die Sprache Jesu - Aramäisch - gesprochen wird, nach Istanbul gekommen. Den ca. 12.000 Personen steht ein Patriarchalvikar (Bischof, der Stellv. des Patriarchen ist) vor. Auch diese Kirche gehört zu den altorientalischen Kirchen; sie ist die syrische Kirche des Westens.

Die kleine Gemeinde der syrisch-katholischen Kirche, die in Istanbul von einem Chor-Bischof angeführt wird ist, ist aus dieser syrischen Kirche des Westens herausgewachsen.

Die Chaldäische Kirche , die v.a. im Irak beheimatet ist, bildet den mit Rom unierten Teil der syrischen Kirche des Ostens. Die meisten Chaldäer sprechen Arabisch.

Wenn auch zahlenmäßig nur noch sehr klein (ca. 1.800 Mitglieder), so ist die griechisch-orthodoxe Kirche von Konstantinopel doch von hoher historischer und auch gegenwärtiger Bedeutung. Sie ist aus der byzantinischen Reichskirche (Patriarchat von Konstantinopel) herausgewachsen. Heute ist ihr neben der Türkei etwa auch die griechisch-orthodoxe Metropolie von Deutschland zugeordnet. Darüber hinaus ist der "ökumenische Patriarch" Ehrenoberhaupt der Welt-Orthodoxie.

Praktisch zugeordnet in konkreten Fragen sind dem griechisch-orthodoxen Patriarchat die kleine bulgarisch-orthodoxe Gemeinde (ca. 500 Personen) und die russisch-orthodoxe Gemeinde.

Ca. 10.000 Menschen bekennen sich zur römisch-katholischen Kirche. In Istanbul gibt es mit Rücksicht auf das alte Patriarchat von Konstantinopel keine Diözese, sondern ein Apostolisches Vikariat, das von Bischof Louis Pelâtre geleitet wird. Zu dessen Amtsgebiet gehören auch Ankara und Bursa sowie Thrakien. Die Kirche ist durch eine Vielfalt von Sprachen und Mentalitäten geprägt- neben den alteingesessenen (nun noch wenigen) Levantinern gibt es röm-kath. Afrikaner, Deutsche, Filipinos, Franzosen, Italiener, Polen, Spanier usw. in Istanbul, das heißt: sie ist v.a. eine "Ausländerkirche".

Auch die Bandbreite der evangelischen Kirchen ist in Istanbul vertreten: die Anglikaner, die Presbyterianer, die Evangelische Kirche deutscher Sprache – als "Ausländerkirchen". Doch entsprechend zu den katholisch-unierten Kirchen gibt es seit dem 19. Jahrhundert auch evangelische Gruppen der östlichen Kirchen, etwa evangelisch-armenische Christen, deren Zahl allerdings verschwindend klein ist. Ein noch recht junges Phänomen sind die türkisch-evangelischen Freikirchen, die allerdings nur schwer beschreibbar sind.

Die "Ausländerkirchen" entstanden zumeist zur seelsorglichen Betreuung der jeweiligen Botschaften in die damalige Hauptstadt Istanbul. Heute liegt ihr Schwerpunkt in der Betreuung von hier arbeitenden Diplomaten, Lehrern und Wirtschaftstreibenden mit ihren Familien sowie hierher verheirateten Frauen.